Wie Kinder uns spiegeln – Gastbeitrag von Sonja Martin

Wie Kinder uns spiegeln

Kinder spiegeln uns. Sie sprechen genau unsere Wörter nach. Wir hören uns selbst sprechen. Sie ahmen unsere Körperhaltung nach. Sie wollen genau das tun, was wir gerade tun. Gerade in den ersten Lebensjahren sind die Hauptbezugspersonen die wichtigste Orientierung der Kinder bei Sprachentwicklung und Körperhaltung.  

 

Spiegeln als Bindungsstrategie

Kinder spiegeln uns, um Bindung zu uns aufzubauen. Bindung ist für Kinder wichtig. Sie sind alleine nicht überlebensfähig. Auch heutzutage würden sie nicht alleine in den Supermarkt gehen und sich selbst versorgen. Sie brauchen zuverlässige Erwachsene, die sie versorgen. Das “Spiegeln” von Verhalten, Reaktionsweisen und Körperhaltungen ist besonders für Kinder eine wichtige Bindungsstrategie. Erwachsene spiegeln auch einander, um Kontakt aufzubauen. Aber für Kinder ist eine wichtige Überlebensstrategie
Im ersten Lebensjahr entsteht Bindung vor allem über Körperkontakt. Ältere Kinder ahmen uns immer geschickter und detaillierter nach. Sie spiegeln uns.

 

Kinder reagieren auf das Verhalten der Erwachsenen

 

Unser Verhalten ist entscheidend dafür, wie Kinder sich verhalten. Natürlich gibt es individuelle Temperamente und Persönlichkeitsstrukturen. Trotzdem ist unser Verhalten entscheidend. Denn Kinder reagieren auf unser Verhalten.
In der Kommunikation sind es wir, die Erwachsenen, die die Verantwortung dafür tragen wie die Kommunikation verläuft. Dazu gehört auch die nonverbale Kommunikation. Meine Körperspannung, meine Haltung, meine Gestik und Mimik – all das nehmen selbst Kleinkinder schon unbewusst auf und bauen sie in ihre Verhaltensmuster mit ein.
Es gibt den Spruch “Man kann Kindern nichts beibringen, sie machen einem alles nach.” Das trifft es ganz gut.

 

Das Schmerzempfinden hängt auch von der Reaktion der Eltern ab

Kleine Kinder auf dem Spielplatz schauen sich z.B. oft um, wenn sie hingefallen sind, wie die Eltern oder Betreuer*innen darauf reagieren. Schauen sie ruhig und lächeln, scheint alles okay zu sein und das Kind spielt weiter. Fragt die erwachsene Person jedoch besorgt nach: “Hast du dir weh getan?” Dann scheint irgendetwas nicht zu stimmen. Das Kind fängt mit hoher Wahrscheinlichkeit an zu weinen.
Wir sind der sichere Hafen für kleine Kinder. Unser Verhalten entscheidet mit darüber, wie stark Kinder ihren eigenen Schmerz bewerten. Schmerz ist ein sehr individuelles Empfinden und wir können Kinder darin unterstützen gut damit umzugehen. Wir sollten uns also nicht überbesorgt verhalten und doch die Kinder ernst nehmen: Wenn sich ein Kind weh getan hat, wird es sofort anfangen zu weinen.

 

Kinder lernen von uns mit Emotionen umzugehen

Kinder nehmen uns als Vorbild. Sie lernen von uns wie sie mit ihren Emotionen umgehen können. Falls dein Kind sich in einem Bereich auffällig verhält, kannst du dich zuerst fragen, ob du selbst dich in ähnlichen Situationen genau so verhälst, oder umgekehrt, ob du diese Emotion bei dir gar nicht zulässt.
Ich zeige meiner Tochter z.B. selten, wenn ich wütend bin. Ich übe mich zur Zeit darin, ihr meine Wut mitzuteilen ohne laut oder ungerecht zu werden. Trotzdem möchte ich ihr klar machen, dass ihr Verhalten mich in diesem Moment wütend werden lässt. Wenn ich das nicht tue, dann liegt meine Wut trotzdem in der Luft und vielleicht wird sie noch stärker, weil ich mich zu lange versuche zurück zu halten.
Meine Tochter zeigt ihre Wut auch nicht. Meist sagt sie auf Nachfrage auch nicht, dass sie eigentlich wütend ist. Sie schmollt eher. Es könnte sein, dass sie mein Verhalten nachahmt: Mein Wunsch nach Harmonie, anstatt einen Konflikt zu besprechen.

 

 

Als Eltern können wir Veränderung initiieren

Das Schöne ist, dass wir selbst unser Verhalten jederzeit ändern können und damit unseren Kindern ein besseres Vorbild sein können. Wir alle haben Verhaltensweisen, die wir als positiv oder negativ bewerten. Kinder nehmen alles von uns auf. Egal was wir darüber denken. Vor allem achten sie darauf was wir tun. Wir können hundertmal sagen, dass Rauchen schlecht für die Gesundheit ist und dass sie bloß nicht damit anfangen sollen. Rauchen wir jedoch selbst, dann wiegt dieses Vorbild weit mehr als unsere Worte.
Ich esse beispielsweise seit ein paar Monaten so gut wie gar keinen Zucker mehr. Ich denke, dass ich meiner Tochter damit ein Vorbild bin. Sie sieht, dass wir keinen Zucker brauchen, um uns wohl zu fühlen.

 

 

Kinder ahmen die Körperhaltung Erwachsener nach

Mit der Körperhaltung ist es da schon etwas tricky. Ich beobachtete schon öfter, eine sehr gerade Körperhaltung an meiner Tochter, wenn sie von einigen Papa-Tagen zurück zu mir kam. Er ist sehr sportlich und ein Vorbild, was eine gerade Haltung angeht. Kaum ist meine Tochter einige Stunden bei mir, lässt sie die Schultern hängen. Ihre Schulterblätter stehen am Rücken hervor.
Dann sehe ich mich selbst in meiner Tochter. Ich habe wirklich eine ausbaufähige Haltung.
Es gibt ein Kinderfoto von mir, auf dem ich mit vielleicht 3 Jahren in der Badewanne sitze. Ich mache einen runden Rücken, genauso wie meine Mutter. Vermutlich, ahmte auch ich ihre Körperhaltung nach. Ganz kleine Kinder, die gerade sitzen gelernt haben, haben eine sehr gerade Haltung. Bis sie anfangen sich an ihren Eltern zu orientieren und lernen, wie ihre Eltern zu sitzen, zu gehen und zu stehen.
Apropos Gehen. Ein Bekannter von mir geht genauso wie sein Vater. Er faltet seine Hände hinter dem Rücken und läuft wie ein alter Mann. In meiner Generation geht man so nicht. Eigentlich. Aber: “Wie der Vater so der Sohn.” In Bezug auf die Gangart sehr offensichtlich.
Es gibt Idiomotoriken, die gerne übernommen werden. Das sind kleine Bewegungen, die wir machen und oft kaum bemerken. Zum Beispiel sich an die Nase zu fassen, die Hände zu ringen oder sich am Ohr zu streichen. Diese Idiomotoriken sind ebenfalls oft von unseren Eltern übernommen. Alles für eine gute Bindung!

 

 

Kinder übernehmen Redensarten und damit Haltung

Manchmal höre ich auch heute noch meinen Vater aus mir sprechen. Wenn ich das so schreibe, hört sich das schon unheimlich an. Ich benutze Begriffe, die ich gar nicht gut finde und die gar nicht zu mir passen. Beispielsweise: “Das müssen wir trainieren.” oder “Hier sieht’s aus als wäre eine Bombe eingeschlagen.”
Wenn wir uns diese Zusammenhänge bewusst machen, werden wir uns selbst und unsere Kinder besser verstehen. Wir können ihnen ein besseres Vorbild sein, wenn wir das möchten.
Ich geh dann mal auf die Yogamatte! Für einen gerade Rücken.
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Gastbeitrag von Sonja Martin
Coach – Neurowissenschaftlerin – Erzieherin
www.sonja-martin.com