Kinder kommen genauso in Berührung mit Schmerz, wie Erwachsene. Um genau zu sein, begleiten Erfahrungen mit Schmerz unser Leben fast schon vom Moment der Geburt bis hin zu unserer letzten Stunde auf dieser Welt. Wie wir aber auf Schmerzreize reagieren, ist sehr unterschiedlich. Gerade bei Kindern ist es oft auffällig: Manche rennen, nachdem sie ihr Knie aufgeschürft haben, sofort wieder weiter, andere brauchen erst eine Einheit Trost von einem nahestehenden Menschen. Woran liegt das?

Schmerzempfindung ist individuell

Wie stark wir einen Schmerz empfinden, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Das liegt daran, dass der Schmerz nicht an der Wunde oder dem blauen Fleck entsteht, sondern erst im Gehirn. Der Schmerzreiz wird von den Reizrezeptoren der betroffenen Körperstelle ans Gehirn weitergeleitet, dort verarbeitet und erst dann als Schmerz „übersetzt“. Auf dem Weg zum Gehirn kann der Schmerz bereits von Schmerzmitteln beeinflusst werden, wie einer Narkose beim Zahnarzt. 

Und schließlich wird Schmerz im Gehirn von Faktoren wie Erfahrung, momentanem Gemütszustand, Gefühlen und Erinnerungen beeinflusst. 

Man muss es sich so vorstellen, wie die Entstehung eines Gerüchts. Die Art und Weise, wie Person A einer Person B von einem Ereignis erzählt, kann viel lebhafter und spektakulärer sein, als die Beschreibung desselben Ereignisses von Person B zu Person C. Die Nachricht wird so von Person zu Person anders weitergeleitet. Ähnlich funktioniert der Schmerzreiz. Laut Rüdiger Fabian, Präsident der Deutschen Schmerzhilfe, ist Schmerz die emotionale Reaktion auf eine Bewertung im Kopf.


Von klein auf die Schmerzempfindung trainieren

Schmerzempfindungen zu interpretieren lernen wir bereits im frühesten Kindesalter. Wie Kinder auf Schmerz reagieren, liegt größtenteils an der Erziehung. Sie lernen zuerst von ihren Eltern Schmerzen zu deuten und zu verarbeiten. Übertriebene Aufmerksamkeit und Zuwendung bei kleinen Wehwehchen lehren einem Kind eher eine zu hohe Sensibilität, auf schmerzhafte Erfahrungen. Kinder, deren Eltern beim ersten Stolpern panisch herbei gestürmt kommen, verbinden das Stürzen mit Angst und entwickeln ein entsprechendes Schmerz- und Vermeidungsverhalten oder provozieren es, weil sie die Reaktion der Eltern und die Aufmerksamkeit, die sie dadurch bekommen, interessant finden. 

Studien zufolge, entwickeln Kinder mit besonders niedriger Schmerztoleranz häufiger chronische Schmerzen. Klingt logisch, wenn man bedenkt, dass diese kleinen Menschen quasi dahingehend „trainiert“ werden, schmerzhaften Empfindungen viel Aufmerksamkeit und damit eine große Bedeutung beizumessen.

Eine weitere Studie, die von Diplompsychologin Dr. Christiane Herrmann durchgeführt wurde, scheint dies zu untermauern. Mittels Kältetests wurde beobachtet, dass Kinder, die an chronischen Schmerzen leiden, beim Eintauchen des Unterarms in kaltem Wasser, mehr Schmerz empfanden, als Kinder ohne chronische Schmerzen. Dabei zeigten Kinder deren Mütter anwesend waren, eine stärkere Schmerzreaktion, als Kinder deren Mütter sich nicht im gleichen Raum befanden.

 

Von akuten Schmerzen zu chronischen Schmerzen

Akute Schmerzen sind kurzzeitige Schmerzen, die zum Beispiel durch einen Schnitt oder einen Sturz entstehen. Sie klingen relativ schnell wieder ab.
Chronische Schmerzen sind dagegen etwas komplizierter. Sie entstehen meist aus akuten Schmerzen, die sich hartnäckig halten und treten auch nach der Heilung von verletzten Körperstrukturen auf.  

Zu den Risikofaktoren von chronischen Schmerzen gehören unter anderem Stresssituationen im engen Familienkreis, hoher Leistungsdruck oder soziale Konflikte. Dem Deutschen Kinderschmerzzentrum zufolge, leiden etwa 5% aller Kinder in Deutschland an chronischen, monatelang andauernden Schmerzen. Meistens sind es Kopf-, Gelenk- oder Magenschmerzen. Diese Kinder sind zum Teil in ihrem Leben stark beeinträchtigt, fehlen öfter in der Schule und können ihren Freizeitaktivitäten nicht regelmäßig nachgehen. Das kann für die Kleinen sowie für die Familie sehr belastend sein. Was aber können Eltern machen, um dem Kind zu helfen?

 

Zuversicht und Gelassenheit der Eltern sind der Schlüssel 

Sowohl bei akuten, als auch bei chronischen Schmerzen bei Kindern gilt: Als Elternteil oder Bezugsperson, Gelassenheit und Zuversicht vermitteln. Geben Sie dem aufgeschürften Knie die Aufmerksamkeit, die es verdient. Trösten Sie ihr Kind kurzzeitig, bleiben Sie gelassen und erklären Sie ihm, dass es nicht schlimm ist. 

Verzichten Sie auch bei kleinen Wehwehchen möglichst auf Heilsalben, Globuli oder anderen Arzneimitteln, denn auch damit lernt ihr Kind, sich eine übertrieben niedrige Schmerzensgrenze anzueignen. 

Wie auch Sie die morgendliche Kaffeetasse in der Hand als heiß wahrnehmen, trotzdem aber deswegen nicht gleich eine kühlende Salbe auftragen, können Sie auch das Schmerzempfinden ihres Kindes trainieren: vom Fahrrad fallen schmerzt, ist aber meistens nicht schlimm. Auch ein gebrochenes Handgelenk schmerzt, verheilt aber bald wieder. Trösten ist wichtig. Übertriebenes Trösten und Zuwendung führen aber zu einer niedrigeren Schmerzschwelle. 

Dasselbe gilt ganz besonders bei chronischen Schmerzen. Oft tendieren Eltern, deren Kinder an chronischen Schmerzen leiden ganz natürlich dazu, das Kind von alltäglichen Verpflichtungen zu befreien, um es zu schonen. Die Hausaufgaben brauchen eventuell nicht gemacht zu werden, das Zimmer muss mal nicht aufgeräumt werden. 

Ablenkung, wie ein Spaziergang im Freien, der Umgang mit anderen Kindern oder auch einfach nur das Mithelfen im Haushalt, kann bei chronischen Schmerzen Wunder wirken: Der Schmerz schwächt ab oder wird sogar ganz vergessen. 

Das ist übrigens auch eine hervorragende Möglichkeit, Ihr eigenes Schmerzverhalten zu überdenken; schließlich sind Sie Ihres Kindes größtes Vorbild. Jedenfalls die ersten 10 Jahre…

 

Quellen:

https://www.welt.de/gesundheit/article2653810/Schmerzen-zu-beherrschen-kann-man-lernen.html

https://www.netdoktor.de/symptome/chronische-schmerzen/

http://www.wissen-gesundheit.de/Krankheiten-Beschwerdebilder/Schmerzen/Schmerzen/Das-individuelle-Schmerzempfinden

http://www.schattenblick.de/infopool/medizin/krankhei/mz4sc539.html

https://www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/schmerzempfinden-wird-im-gehirn-bewertet/

 

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