Physiotherapie-Osteopathie-Orthopädie

Überraschendes historisches Detail der konservativen Behandlungsmethoden

Die Physiotherapie wurde maßgeblich in Schweden geprägt. Als Urvater gilt Pehr Henrik Ling (1776-1839) der das in Stockholm ansässige RCIG leitete, einem Institut, das Ärzte und anderen Studenten die Physiotherapie vermittelte und weltweites ansehen genoss. Ling wiederum wurde durch die deutsche Turnbewegung in der Entwicklung seiner Therapieform beeinflusst. Viele Absolventen Ling´s waren missionarisch unterwegs, begeistert von der Idee der Physiotherapie, diese als Wissenschaft über die Rehabilitation und Gesundung des Menschen zu verbreiten. Ein heute noch bekannter Absolvent des RCIG war der in London ansässige Arzt Cyriax.
Ebenfalls zu dieser Zeit, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, entwickelte sich die Orthopädie. Orthopäden behandelten damals Kinder mit Skoliosen oder Beinfehlstellungen. Auch sie bedienten sich der Techniken, die das RCIG lehrte.
Daher stammt auch der Name Orthopädie: Ortho = gerade, Pädie = Kind (altgriechisch).
Physiotherapeuten verdienten damals anscheinend viel mehr Geld als Orthopäden, da sie in der Regel wohlhabende Bürger und Adelige behandelten. Aufgrund einiger fanatischer Tendenzen im RCIG (manche Anhänger dachten, sie könnten mit Physiotherapie alles heilen) schafften es Orthopäden die Wissenschaftlichkeit dieser Methode in Frage zu stellen und die Stellung der Physiotherapie bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts berufspolitisch so zu schwächen, dass damals kaum noch ein Mann diesen Beruf erlernen wollte.
Die Bestrebungen die Physiotherapie im 21. Jahrhundert wieder akademisch anzuerkennen dauern bis heute an. Dabei werden sicher auch die zunehmenden Erkenntnisse aus der Biopsychosozialen Medizin eine erhebliche Rolle spielen, die eine ganzheitliche, aber dennoch wissenschaftlich fundierte Sicht auf komplexe Veränderungen im Körper zulässt.
Die konservative Orthopädie wird immer seltener angewandt und wurde auf dem letzten Kongress der GHBF in München 2017 sogar als „Auslaufmodell“ bezeichnet. Die meisten Orthopäden sind heute spezialisierte Chirurgen, so wie es  die Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer vorsieht.

 

Und die Osteopathie?

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Osteopathie durch A.T. Still, angeblich unbeeinflusst von europäischen Strömungen der damaligen Zeit. Sie entstand wohl auch als eine Art Gegenbewegung zur zunehmenden Dominanz und Vormachtstellung der Schulmedizin in den USA, die damals ja auch noch in ihren Kinderschuhen steckte. Osteopathie ist in den USA aber mittlerweile ein normales Arztstudium mit der Zusatzqualifikation der osteopathischen Behandlungstechniken.
In Deutschland ist die Osteopathie nach wie vor kein anerkannter Berufszweig, obwohl manche Kassen mittlerweile teilweise Behandlungskosten übernehmen, da osteopathische Behandlungen durchaus beliebt und nachgefragt sind.

 

Allen 3 konservativen Methoden (Orthopädie, Physiotherapie und Osteopathie) gemeinsam ist meiner Meinung nach:

  • massageartige Drucktechniken auf das Körpergewebe
  • Einbezug des Alltags des Patienten (Lebensgewohnheiten)
  • Empfehlung von gymnastischen Übungen

 

Behandlungserfolge sind immer schwer evaluierbar, da zwei komplexe Systeme (also der Behandler und der Behandelte) einander in ihrer einzigartigen Individualität gegenüberstehen und gleiche Problematiken mit gleichen Techniken aber von unterschiedlichen Personen ausgeführt und empfunden, komplett diametrale Wirkungen zeitigen können.
Daher empfinde ich die Erfahrung des Behandlers, sein Wissen und seine eigene Körpererfahrung als wesentliches Qualitätskriterium… welches man sich eben nur zum Teil durch Geld kaufen kann, sondern hauptsächlich durch jahrelanges (Selbst-)Studium und ehrlicher Auseinandersetzung mit den Problematiken erwächst.
Auch hier bin ich wiederum der Biopsychosozialen Medizin sehr dankbar, die diese weichen Faktoren wissenschaftlich untersucht und erklärbar macht.

 

Links und Quellen:

MT-history-Ottosson-mt-2012
MT-Geschichte-Ottosson-2-mt-2010
Geschichte-Ottosson-1-mt-20101
https://d-nb.info/99216589X/34
https://osteo-info.de/net38.htm
https://de.wikipedia.org/wiki/Orthopädie