Operation bei Gelenkschmerzen – Ja oder nein?

„Was meinen sie? Würden sie sich an meiner Stelle operieren lassen?“ Diese Frage höre ich oft von Patienten. Die Unsicherheit ist oft groß und die Meinungen gehen nicht selten weit auseinander.

Zu diesem Thema habe ich auch ein Video auf Youtube hochgeladen. Hier klicken, um das Video anzusehen.

Eines ist sicher: In Deutschland wird zu viel operiert.

Unter welchem Druck Kliniken oft wirtschaften müssen, liest man immer wieder in der Zeitung. Und diesem Druck sind auch deren Ärzte ausgesetzt, die gewisse Vorgaben erfüllen sollen, um die Existenz der Klinik zu sichern.

Bedenkt man all dies, kann das schon zu Zweifeln führen, ob die vorgeschlagene Operation zur Linderung von Schmerzen wirklich alternativlos ist. Bei Unfällen oder lebensbedrohlichen Erkrankungen wird sich niemand diese Frage stellen, aber eben doch bei unspezifischen Problemen am Bewegungsapparat, also Schmerzen, die meistens durch überlastete Muskeln und Bänder entstehen.

Physiotherapeuten sammeln im Bereich der konservativen Behandlung ungemein viel Erfahrung. Davon könnten Patienten profitieren, wenn der Zweitmeinung eines Therapeuten von den Kassen aus mehr Gewicht verliehen würde.

Auf dem 5. Kongress der GHBF, der Gesellschaft für Haltungs- und Bewegungsforschung e.V., wurde die Frage aufgeworfen, ob die konservative Orthopädie ein Auslaufmodell sei. Die Orthopädie verschmilzt zunehmend mit der Unfallchirurgie und der Anteil an konservativen Behandlungsmethoden nimmt immer weniger Raum in der Ausbildung zum Facharzt ein. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Operation immer mehr als Behandlungsmethode bevorzugt wird.

Als Physiotherapeut bin ich der Meinung, dass viele Operationen am Bewegungsapparat vermeidbar wären, wenn der konservativen Therapie im Vorfeld mehr Zeit eingeräumt würde. Insbesondere wenn Sie als Patient bereit sind, ihre Lebensgewohnheiten zu hinterfragen, zu analysieren und eventuell zu korrigieren, kann man mit konservativen Methoden die Lebenssituation oft ausreichend verbessern. Psychosoziale Aspekte spielen hier eine immer größere Rolle.

Meiner Erfahrung nach sind Operationen bei Schmerzen am Knie, Schulter und auch an der Wirbelsäule vermeidbar, wenn Geduld und Eigeninitiative vorhanden sind.

Geduld und Eigeninitiative bedeuten aber auch Kraft und Anstrengung. Und so kann es schon sein, dass manche einen kleinen Schnitt an der Schulter bevorzugen, in der Hoffnung die Schmerzen dort zu heilen. Oft erzwingt aber eine Operation dann in der Nachbehandlung Verhaltensänderungen. In dem Moment aber, wo eine Wunde sichtbar ist, werden Einschränkungen als natürlicher erlebt und so psychologisch nach innen als auch nach aussen hin leichter vertretbar.

Auch das mag ein Grund dafür sein, dass manche Patienten solange verschiedene Ärzte aufsuchen, bis sie einen finden, der sie operiert. Der kleine Schnitt an einem Gelenk macht äußerlich sichtbar, dass innen etwas nicht in Ordnung ist.

Placebo Studien zeigten, dass tatsächlich ein kleiner Schnitt an der Schulter oder dem Knie Gelenk genügt, um gleiche Verbesserungen zu erzielen, wie bei tatsächlich komplett korrekt durchgeführten Operationen.

Wenn Sie sich unschlüssig sind, ob sie sich operieren lassen sollen, oder nicht, holen Sie sich eine zweite Meinung ein. Viele Krankenkassen unterstützen dies ausdrücklich. Und mit einem erfahrenen Physiotherapeuten zu sprechen könnte bei Problemen am Bewegungsapparat ebenfalls hilfreich sein…

Ich fände es toll, wenn Physiotherapeuten ganz offiziell nach ihrer Meinung zu einer planbaren Operation am Bewegungsapparat gefragt würden. Durch die Diskussion mit einem Physiotherapeuten könnten Alternativen aufgezeigt werden und auch die Situation vor und nach unumgänglichen Operationen optimaler gestaltet werden.

Soweit mir bekannt ist, ist das im angelsächsischen Raum bereits der Fall.

Dass nicht nur die ärztliche Indikation, sondern auch eine physiotherapeutische Zweitmeinung als Standart gelten würde, bleibt aber sicher eine Utopie.

Letztlich muss doch jeder für sich selbst entscheiden, ob er sich operieren lassen möchte oder nicht. Sich ausreichend Zeit zu nehmen, um sich für so eine Entscheidung zu informieren und beraten zu lassen, ist wichtig, da eine Operation nicht rückgängig gemacht werden kann.

 

 

 

Wenn Sie mehr über das Zusammenspiel von psychosozialen Aspekten und Schmerzen erfahren möchten, werfen Sie einen Blick in mein Buch: „Schmerz ganzheitlich verstehen“ oder kontaktieren mich über das Kontaktformular.

 

 

 

 

 

Quellen:

 

Weißbuch der konservativen Orthopädie von 2017:

https://www.degruyter.com/view/supplement/9783110534351_DGOU_Wei_buch_Gesamt_PDF.pdf

OP Zahlen:

https://www.gesundheitsstadt-berlin.de/oecd-studie-deutschland-bei-operationen-internationaler-spitzenreiter-1489/

http://www.tagesspiegel.de/politik/studie-zu-unnoetigen-eingriffen-im-krankenhaus-je-hoeher-der-preis-desto-oefter-wird-operiert/10181820.html

https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/operieren-und-kassieren-ihr-wohnort-entscheidet-ob-sie-operiert-werden-oder-nicht_id_7259841.html

Geld und OPs:

https://www.welt.de/gesundheit/article134934655/Kliniken-sanieren-sich-mit-sinnlosen-Operationen.html

Unspezifische Rückenschmerzen:

https://www.apotheken-umschau.de/Rueckenschmerzen/Rueckenschmerz-Arten-unspezifisch-oder-spezifisch-12812_3.html

Schulter OP:

http://www.sueddeutsche.de/wissen/medizin-schulter-ops-sind-oft-nutzlos-1.3758869?reduced=true