Bei dem weiten Feld und den vielen Faktoren auf die die Biopsychosoziale Medizin eingeht, kann es sein, dass sich manche Therapeuten abgeschreckt abwenden.

Vielleicht mit solchen Gedanken, wie:

„Ja, irgendwie hängt ohnehin alles mit allem zusammen.“

„Also letztlich konkret kann man also gar keine Aussage treffen, woher der Schmerz eigentlich kommt.“

Das als Physiotherapeut über viele Jahre mühsam erworbene Wissen über funktionelle Zusammenhänge im Körper steht dann auf einmal im Schatten von psychosozialen Faktoren, die anscheinend einen viel größeren Einfluss auf unsere Schmerzwahrnehmung haben, als wir es lange Zeit dachten.

Also lieber die Erkenntnisse der letzten 10 Jahre ausblenden und weiter machen wie bisher?

 

For privacy reasons YouTube needs your permission to be loaded.
I Accept

 

Nein, das erweiterte Wissen um Schmerzfaktoren kann gerade Physiotherapeuten und anderen körperorientierten Therapeuten eine große zusätzliche Hilfe sein, Patienten über ihre Situation aufzuklären und deren Gesamtsituation zu verstehen.

Natürlich bearbeiten wir in erster Linie körperliche Spannungsverhältnisse. Aber das Wissen, dass dieser Körper selbstverständlich von einem neurologischen System kontrolliert wird, welche die Spannung und Wahrnehmung im Körper moduliert ist an sich ja nicht neu. Um diese psychosozialen Faktoren zu bewerten braucht es sicher einiges an Erfahrung. Oft wissen Patienten aber schon selbst, wenn sie auf solche Stressfaktoren angesprochen werden, was sie schon lange an ihrem Leben verändern wollten. Und da ist mehr Bewegung oft auch ein wichtiger Faktor. Aber es kann auch andere Lebensbereiche betreffen, die man mit mehr Gelassenheit und Achtsamkeit bedenken kann.

Pro Jahr behandelt ein Physiotherapeut circa 600 Patienten. Das sind in 10 Jahren schon 6000 verschiedene Lebensentwürfe und Schicksale, die als Erfahrungsschatz zur Verfügung stehen. Umso größer dieser Erfahrungsschatz wird, desto leichter fällt es dann verschiedene Faktoren zu gewichten und die Persönlichkeitsstruktur der Menschen zu erkennen.

Wichtig ist anfangs, dass man überhaupt eine Auge auf diese „weichen“ Faktoren wirft, um das eigene Blickfeld zu erweitern und zu lernen. Das bereichert nicht nur die Behandlung, sondern gibt dem Patienten auch das Gefühl als Mensch ganzheitlich wahrgenommen worden zu sein.

Mehr dazu in meinem Buch: